Jun
05

Die kleinen Dinge sind manchmal weltbewegend


Als heute das monatliche Blogthema bekannt gegeben wurde, kam mir sofort eine irgendwie "Kleinigkeit" in den Sinn, die mir aber vor rund 2 Jahren den Sinn meiner Arbeit und den Grund meiner großen Freude daran verdeutlicht hat und noch immer eine absolute Sternstunde für mich ist. Auch wenn es eigentlich keine "große Sache" war. Für mich und den beteiligten Schüler aber durchaus...

Als pädagogischer Mitarbeiter für die Klassen 5-7 eines hiesigen Gymnasiums leitete ich meine eigene AG zum Thema Serengeti. Zum Abschluss des Schuljahres stand ein Besuch im Zoo Hannover auf dem Programm. Natürlich hatte ich mir ein pädagogisch wohl durchdachtes Konzept überlegt, nach dem die Schüler (es waren nur Jungs) durch den Zoo laufen und Aufgaben lösen sollten.
Aber die Kids warfen das etwas über den Haufen, weil sie unbedingt einen Besuch des Streichelgeheges haben wollten, in dem Ziegen, Hängebauchschweine und allerlei "niedliches" Getier auf die Fütterung durch die Zoobesucher warteten.

Selbstverständlich hatte ich diesem Wunsch gern nachgegeben, und kaum waren wir da, stürmten 8 Jungs ins Gehege und wurden sofort von Massen gieriger Ziegen umlagert, die auf Futter geierten.
Nur ein Junge stand schüchtern vor dem Gehege, schaute wehmütig hinein und gestand mir dann ganz leise: Obwohl er mit seiner Familie eine Jahreskarte für den Zoo hatte und sie sehr oft da waren, hatte er sich noch NIEMALS getraut, in das Streichelgehege reinzugehen, weil er Angst vor den wirklich extrem fordernden Ziegen hatte. Sie könnten ihn umlaufen, auf ihn trampeln, und er hatte wirklich ANGST! Selbst seine jüngeren Geschwister gingen problemlos da rein, nur er traute sich nicht. Was das für einen Jungen seines Alters an Scham, Selbstzweifeln und Peinlichkeit und somit wirklichem, echtem Leid bedeutet, ist jedem sofort klar, der sich mit Kindern seines Alters beschäftigt. Ich wusste, ich MUSSTE etwas tun, um ihm zu helfen!

Ich habe dann lange sanft mit ihm gesprochen, mit seiner Erlaubnis mit meiner Hamd liegende Achten auf seinen Rücken gestrichen (Stichwort: Kinesiologie), und nach einer Viertelstunde hat er sich tatsächlich überwunden und ist "todesmutig" in das Gehege eingetreten!!
Klar, er hatte "sicherheitshalber" kein Futterpaket dabei, damit er nicht allzu doll bestürmt würde, aber immerhin hat er sich sogar getraut, eine der für andere so unscheinbar und harmlos wirkenden Ziegen anzufassen. Für ihn ein weiterer Meilenstein!

Hinterher war er "stolz wie Oskar" - und das mit völligem Recht! Mir floss das Herz über vor Bewegung und tiefster Freude. Anschließend hat er seinen Eltern erzählt (die mir das voller Freude rückmeldeten): "Ich hab mich wirklich getraut!!! Und Herr S. hat mir dabei geholfen!"
Ich war bis tief in die Seele berührt von seinem Mut!

Dies war ein Moment, wie er leider auch in der Schule nur sehr selten vorkommt: dass man einen Schüler erreicht, ihm wirklich weiterhelfen kann, einen großen Schritt für sein Selbst zu tun, auch wenn das nach außen nur ein "kleines Ding" war.
Für ihn war es großartig, seine tief sitzende Angst zu überwinden. Und für mich war es eine kostbare Situation, dazu einen wesentlichen Anteil beigetragen haben zu können und zu dürfen.

Solch ein "kleines Ding" ist für mich der Grund, warum ich meine Arbeit so sehr liebe.
Sicher, im Schulalltag geht man als pädagogischer Mitarbeiter im Bürokratismus unter. In chronischer Desinformation und Nicht-Beachtung der ach so bedeutsamen Gymnasiallehrer.
Aber wenn man dann einen Schüler so direkt im Herzen erreicht und sieht, dass man wirklich etwas für ihn tun konnte, zählt all das Behindernde nicht mehr auch nur den winzigsten Deut.

Niemand wird mir dies Glücksgefühl nehmen können, das ich empfand, als er durch meine aufbauende Stärkung seine Angst überwunden hat!
Mögen die Lehrer teilweise auch weiter snobistisch auf mich herab blicken, weil ich ja nun mal kein Gymnasiallehrer bin (zum Glück hab ich kurz vorm Staatsexamen die Kurve gekriegt!!), so hab ich tief in mir das Wissen, dass sie diese Nähe zu einem Schüler NIE erreichen werden.

Dieses äußerlich recht "kleine Ding" hat mir ein tiefes Glück bereitet und mir deutlich gezeigt, wie glücklich ich mit meiner Berufswahl bin.
Was könnte schöner sein als einem jungen Menschen zu helfen, seine Grenzen zu erweitern?!

Ich kann nur aus tiefster Seele sagen: DANKE KILIAN - du hast mein Herz mit Freude angefüllt!! geschrieben am 05.06.2018 von Spuckel

Schlagwörter

spuckel, schule, angst, freude, glück, mut, beruf

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Kommentare von anderen Usern

Avatar Spuckel schrieb am 05.06.2018 folgenden Kommentar:
Ich danke dir für deinen Kommentar und stimme dir absolut zu. "Es werden noch so einige Schrecken auf ihn warten in seinem Leben" - oh ja, er ist einer der sehr zart beseiteten, die sich durch Emotionalität und Intelligenz herausheben. Im Leben wird ihn beides sehr weit bringen, in der Schule aber ist es dadurch für ihn nicht wirklich leicht, weil solche Qualitäten oft Spott und Neid hervorrufen. Aber erfahren zu haben, dass ER es schaffen kann, wird ihm immer wieder weiterhelfen können.
:)

Avatar Masmiie schrieb am 05.06.2018 folgenden Kommentar:
Als Mutter eines Fünftklässlers mit so allerlei Ängsten - von denen er auch schon viele überwunden hat - kann ich das bestens verstehen. Und du hast noch viel mehr getan als ihm nur zu helfen, diese eine Angst zu überwinden - du hast ihm gezeigt, dass Ängste ernstgenommen werden dürfen und es keine Schande ist, sich zu fürchten, aber auch, dass man Ängste überwinden kann. Es werden noch so einige Schrecken auf ihn warten in seinem Leben, aber die Erinnerung daran, dass er es schon einmal geschafft hat, wird ihm weiterhelfen.