Jun
09

Mutti oder Musch - eine einfache Entscheidung und zwei Abschiede


Genau genommen habe bzw. hatte ich zwei Mütter - eine biologische und eine richtige.
An meine biologische Mutter erinnere ich mich so gut wie gar nicht, und schon gar nicht positiv. Ich habe immer nur die Bilder vor Augen, wie sie sturzbetrunken, ungewaschen und eingepinkelt auf dem Sofa liegt oder wie sie einmal, als ich in Begleitung zweier Freunde von der Schule kam, uns im Nachthemd über den Parkplatz entgegengelaufen kam, weil ich schnell zum Tante-Emma-Laden gehen sollte, um Korn zu klauen. Gott, wie war mir das peinlich vor meinen Freunden!

Als ich neuneinhalb war, starb sie dann, und das einzige emotionale, woran ich mich in dem Zusammenhang erinnere, ist, dass ich zwei Tage schulfrei hatte und danach alle Lehrerinnen und Mitschüler total besorgt und voll Anteilnahme für mich waren und ich total im Mittelpunkt stand. Dabei hatte ich gar keine Trauergefühle sondern nur gedacht "endlich ist die weg!"

Aber dann kam die glücklichste Wendung meines Lebens und meine für mich wirkliche Mutter:
Da unser Vater sich nicht um uns kümmern konnte, kam ich mit zwei meiner älteren Schwestern in ein SOS-Kinderdorf, und die Frau, die uns dort aufnahm, war eine durch und durch herzensgute, liebevolle Frau, die immer und uneingeschränkt für uns da war.
Ich hätte mir nichts besseres wünschen oder vorstellen können! Nur war mir von Anfang an klar, dass ich sie nie "Mutti" nennen könnte, wie wir das bei meiner biologischen Mutter tun mussten, also hieß sie für mich immer liebevoll "Musch".

Sie hat mich an die Musik herangeführt, mir immer und in jeder Situation zur Seite gestanden, den Rücken gestärkt und mich unterstützt und gefördert.
Wir waren ihre letzte Kindergruppe im SOS-Kinderdorf, somit hatten wir sie quasi wirklich "für uns", und noch über ihre Pensionierung hinaus hat sie mich weiter betreut, bis ich mein Abi in der Tasche hatte. Während ich dann meine ersten erfolgreichen Schritte in meine Musik-Karriere tat, war sie mein treuester Fan und immer stolz wie Oskar.
;)

An der engen, liebenden Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn hat sich auch danach viele Jahre nichts geändert, bis sie dann leider dement wurde.
Zuerst fing es mit leichten Vergesslichkeiten an, dann irgendwann kam Paranoia hinzu, in der sie überzeugt war, ich würde sie umbringen wollen. Den Floh hatte ihr eine neidische Tochter aus einer früheren Kindergruppe ins Ohr gesetzt. Da hat sie dann sogar mal die Polizei gerufen, als ich zu Besuch kam.
Inzwischen lebt sie in einem Altenheim mit guter Betreuung, ist 93 Jahre alt und noch immer meist fröhlich, aber leider erkennt sie mich überhaupt nicht mehr.

Dieser Abschied war - anders als von meiner biologischen Mutter - furchtbar schwer für mich. Demenz ist eine wirklich fiese Krankheit, und zusehen zu müssen, wie der so geliebte Mensch allmählich im Nichts verschwindet und sich dann sogar selbst verliert, tut schrecklich weh.

Dennoch bleibt mir ja die Erinnerung an viele schöne Zeiten, uneingeschränkte Liebe und Nähe - und die unendliche Dankbarkeit für diesen für mein gesamtes Leben prägenden Menschen: meine Musch.

:) geschrieben am 09.06.2017 von Spuckel

Schlagwörter

spuckel, mutter, musch, dankbarkeit

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Kommentare von anderen Usern

Avatar ahrimannheim schrieb am 23.01.2018 folgenden Kommentar:
...sehr emotionsgeladen und doch nicht realitätsfremd...finde diesen Beitrag sehr aussagekräftig...gut, dass es Menschen gibt, die ihren Beruf als Berufung ansehen.
Ein russischer Pädagoge (Makarenko), der den Meisten hier fremd sein dürfte, sagte einmal (sinngemäß)...wer mit Menschen arbeitet, gerade mit Kindern, sollte seinen Beruf als Berufung ansehen.
Spukel, "Deine" Musch war so jemand...war, weil sie, wie Du schreibst, ihr selbstbestimmtes ICH verloren hat.

Avatar Indianerle schrieb am 10.06.2017 folgenden Kommentar:
irgendwie Traurig.