Tommis Märchenecke - Rotkäppchen in Variationen neu erzählt

tommixyz
Primus-Junior
Beiträge: 71

Mittwoch 21. Januar 2015, 20:19  

Eigentlich
war es ein wunderschöner Wintertag im Märchenwald. Weißer Schnee
glitzerte auf den Bäumen, Putz das Eichhörnchen hüpfte vergnügt
von Ast zu Ast und Pinoccio log wie immer, dass sich die Bäume
bogen. Diese Bäume waren logischerweise nicht mehr verschneit.

Trotzdem
war es heute nicht wie sonst. So eine besondere – eine etwas
unruhige Stimmung zog durch den ganzen Märchenwald.




Nur
dem Wolf schien diese Unruhe nichts auszumachen. Er sprang vergnügt
durch den verschneiten Winterwald auf dem Weg zur Großmutter und
malte sich in Gedanken aus, wie er sie zum x -ten Male austricksen
würde.





Ja
- der Wolf hatte aus der Geschichte mit den 7 Geißlein gelernt.
Täglich begab er sich zu der alten Frau und schaffte es durch
raffinierte Verkleidungen, verstellte Stimmen und der Vortäuschung
falscher Tatsachen, sich jeden Tag sein Essen zu erschleichen.


Erst
gestern hatte er es geschafft, sich als Nana Muskouri verkleidet,
nicht nur ein

Essen,
sondern auch noch Kaffee und Kuchen zu erschleichen. Ein
Meisterstück!

Was
die Alte heute wohl wieder zubereitet hat – die goldene Gans
gestern war butterweich – bei dem Gedanken an das gestrige Fressen
lief ihm immer noch die Spucke im Mund zusammen.

Da
plötzlich – wie aus heiterem Himmel, stand ein kleines Mädchen
vor ihm. Mann, kannst du nicht aufpassen – hier gilt rechts vor
links!

Na
wie bist du denn drauf? Fragte der Wolf etwas verwirrt. Sonst um die
Zeit kam hier nie einer oder eine vorbei – geschweige denn ein
mürrisches, kleines Mädchen, und auch noch mit einer roten Kappe
auf dem Kopf.! Was geht dich das denn an. Das Mädchen warf dem Wolf
einen Blick zu, der alles andere als wohlwollend war. Mein Gott
sieht der verwildert aus, dachte das Rotkäppchen.

Und
ich habe noch nichts gegessen, da bin ich sowieso noch aggressiv
drauf!

Was
machst du überhaupt so früh morgens im Wald? fragte der Wolf.


Das
Rotkäppchen überlegte einen Moment, ob es diesen lausigen Zausel
in ihre mentale Verwirrung mit einbeziehen sollte.






Naja-
ich bin auf dem Weg zur Großmutter. Dort taucht zur Zeit immer so
eine Type auf, der von ihr gutmütiger weise mit Essen und Trinken
versorgt wird.

Das
ist doch aber supernett von der Omma! stotterte der Wolf.

Ja
klar - das ist mein Essen, ich gucke jeden Tag nach der Arbeit in die
Röhre -

das
ist eine voll linke Tour die der Typ abzieht! Und wer bist du
überhaupt?

Der
Wolf überlegte kurz und stotterte dann: Ich heiße Lars und kkkkomm
vom Mars...

Etwas
blöderes fiel ihm auf die Schnelle nicht ein.

Aber
Rotkäppchen war es eigentlich egal, wie der Typ hieß.


Na
ja, ab morgen ist eh damit Schluss.

Omma
zieht ja morgen um ins betreute Märchenwaldwohnen. Dann brauch ich
auch nicht mehr durch diesen blöden Wald rennen, um mein Essen zu
kriegen. Damit ließ Rotkäppchen den verwirrten Wolf einfach stehen
und ging weiter.

Nein
- nein!!!! Das durfte ja wohl nicht wahr sein. Nun hatte er endlich
eine Möglichkeit gefunden, sich kostengünstig und gesund zu
ernähren, ohne diesen Druck, dafür erst jagen zu müssen. Und dann
das! Nein – hier musste etwas geschehen.....



In
ihrem kleinen und recht baufälligen Haus räumte Oma inzwischen die
letzten Pfannen, Geschirrteile und Soßenbinderpackungen zusammen. Wo
blieben nur die Männer vom Umzugsservice. Sie hatten ihr
versprochen, pünktlich vor Ort zu sein!

Ach
nee, die jungen Leute, kein Verlass mehr auf die Jugend.






Hätte
ich nur Leszek und Bleszek bestellt, die wären schon fertig.


Aber
die hätten bestimmt wieder diese Frau mitgebracht, die alles anders
stapeln und ihre Pfannen und Tiegel in den Sperrmüll werfen wollte.

Die
Dame hatte einfach keine Ahnung von Kochtöpfen. Omma war früher in
der Märchenwaldschule als

Märchenwaldschulköchin
beschäftigt.



Aber
irgendwann hat der Schulleiter dann einen Kobold eingestellt, der
angeblich viel schneller kochen konnte und besseren Hackbraten als
sie machen konnte.



Vielleicht
gab es ja in betreuten Märchenwaldwohnheim so eine Art
Arbeitsgemeinschaft „Köche über 70“, das wäre natürlich
prima.


Mit
einem Seufzer schob Omma einige Kartons zur Seite, streichelte kurz
über Lieblingskuckucksuhr. Ach wenn der Umzug doch schon vorbei
wäre! Dann würden die 12 Soßenbinderpackungen wieder im Schrank
stehen, die 20 Dosen Raumspray ebenfalls und die 200 Rollen Klopapier
auch. Alles wäre wieder wie früher – nur woanders eben!



In
diesem Moment fuhr zum Glück der Umzugswagen vor und beendete das
Grübeln.



Unser
verstörter Wolf lief inzwischen komplett hektisch zwischen Friseur,
Schneider und Nagelstudio hin und her. Er hatte nur eine Chance: Er
musste perfekt aussehen, sich bei Omma einschmeicheln und einfach mit
ins betreute Märchenwaldwohnen einziehen. Jawohl – er hatte einen
Plan, den Willen und keine Zeit.


Endlich,
mit blond gefärbten, lockigen Haaren, frisch mit rosa gefärbten
Krallen und in den schwarzen Anzug von seiner Konfirmation gepresst,
hetzte er durch den Märchenwald.

Voller
Entsetzen stand er dann abgehetzt vor der leeren Hütte der Omma.
Nichts war mehr da, keine Möbel, kein Essen, keine Kuckucksuhr –
nur eine halbvolle Packung Soßenbinder lag einsam und verlassen in
der Hütte herum. Bittere Verzweiflung überkam den total
demoralisierten Wolf. Vollkommen verzweifelt hielt er mit einem
lauten Heulen die Sossenbinderpackung zwischen den Krallen, warf den
Inhalt wie Schnee nach oben und heulte jämmerlich. Wahrscheinlich
dadurch hörte er den Bagger mit der Abrissbirne nicht, mit dem der
Bauer Rene anrückte. Zielsicher ließ er die Abrissbirne in das
alte, brüchige Häuschen krachen. Es staubte mehr als vermutet, aber
das war Bauer Rene egal, er rammte den Rest der Hütte bei „Thunder“
von AC/DC in den weichen Märchenwaldboden. Er wunderte sich nur,
dass der aufgewühlte Waldboden so einen leichten Duft von braunem
Soßenbinder hatte.....





Tja
liebe (Geburtstags)Kinder – so enden Märchen eigentlich wirklich.
Der Wolf hatte Pech und wurde gerammt, das Rotkäppchen hatte seine
geregelte Mahlzeit wieder und Omma mischte den Kochkurs im betreuten
Märchenwaldwohnheim auf.

Bauer
Rene pflanzte dort, wo einstmals Schuppen und eine baufällige Hütte
standen Tannenbäume, und nur Omma wunderte sich manchmal, warum sie
keinen Besuch von dem netten Herren mit der wilden Frisur mehr bekam.

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