May
26

Normal schläft man nachts


*Der Vorfall ereignete sich auf einer anderen Website, hat aber auch Folgen für hier. Darum hier die Erklärung, was passiert ist. *

Der Gipfel war in jener Nacht, als ich am ganzen Körper zitterte und krampfte und mir unablässig die Tränen herunterliefen. Ich versuchte, wieder einzuschlafen, schließlich war ich erst spät in der Nacht heimgekommen und würde am morgen in aller Frühe wieder zum Kunden aufbrechen müssen, um dort etwas Unmögliches zu versuchen. Und dann sollte ich wenigstens ausgeschlafen sein. Aber mit dem rasenden Puls und dem Gedankenkarussell, welches sich unablässig um mein Versagen drehte, schaffte ich es nicht, wieder einzuschlafen.

Mein Mann versuchte mich zu beruhigen, aber auf alles, was er sagte, reagierte ich entweder mit wilden Selbstbezichtungen und düsteren Zukunftsvisionen oder ich starrte ihn nur verständnislos an. Irgendwann rief er dann den ärztlichen Notdienst an, erwischte unsere Kinderärztin und die empfahl ihm erstens, mir eine Einzeldosis eines Medikaments zu geben, das sie extra in der Notfallapotheke für uns bereitlegen ließ und mich zweitens am nächsten Morgen nicht zum Kunden gehen zu lassen, sondern zu dem Kollegen zu bringen, der sonntags Notdienst hatte.

Mein Ehegespons drückte mir also das mittlerweile aufgewachte Baby zum Füttern in die Arme und sauste zur zum Glück nahen Apotheke; in der Hoffnung, dass ich keine Dummheiten mache, solange ich das Baby im Arm habe. Er kam mit einer Tablette zurück, die mich allmählich etwas beruhigte und sogar einschlafen ließ und schleifte mich am nächsten Morgen zum Arzt.

Noch immer zitternd und verstört heulte ich dem dann so lange etwas vor, bis er Nerven-zusammenbruch diagnostizierte und mir einen Psychiater empfahl. Der wiederum schrieb mich für drei Monate krank, die ich dazu nützte, zu kündigen und dann die Nächte am PC zu verbringen. Vorher schon habe ich kaum jemals eine Nacht durchgeschlafen, was nicht nur an den nächtlichen Fütterungen lag, sondern auch an extrem unregelmäßigen Arbeitszeiten und nächtelangem Nachsinnen, was ich alles am Tag nicht geschafft hatte, was ich hätte besser machen können und was ich dafür morgen mehr machen mußte. Das Denken, was ich hätte machen sollen, klappte wunderbar, das tatsächlich Tun dann so gut wie nie.

Nach dieser einen extremen Nacht lag ich nächstens stundenlang wach und grübelte, bis ich auf der Suche nach Ablenkung dann den Rechner einschaltete. Nach einigen Stunden ging es dann meist besser und ich konnte noch etwas schlafen. Vorausgesetzt, ich wachte nicht gleich wieder panisch auf, weil ich keine Luft mehr bekam – in dem Fall konnte ich von vorne mit Beruhigung und Ablenkung beginnen. Der PC half da gut, oft aber las ich auch, bis es Zeit wurde, ein Kind in den Kindergarten zu bringen und das andere auf meine Austrags-Tour mitzunehmen.

Einige Jahre später kam mein Psychiater auf die Idee, dass mir ein Antidepressivum helfen könnte, von den verstörenden Gedanken an mein Dauerversagen wegzukommen. Er fragte mich, ob ich zusätzlich Schlafstörungen hätte. Ich bejahte und er schlug mir vor, ein einschläferndes Medikament zu wählen. Mir fiel Michael Jackson ein, ich lehnte ab und bekam ein eher aufputschendes Mittel verschrieben.

Sonderbarerweise schlief ich auch mit diesem Medikament jetzt mehr. Die Jahre zuvor war ich auf nur 4-5 Stunden Schlaf pro Nacht gekommen, wenn überhaupt. Als das Antidepressivum das Grübeln zumindest zeitweise stoppte, schlief ich immer wieder ein. Meist tagsüber, da ich die Tablette ja morgens nehmen sollte, also verschob ich die Einnahme auf abends. Als Ergebnis bekam ich dann zwar insgesamt 7-8 Stunden Schlaf, aber in Einzelportionen zu ca. 1-2 Stunden und mit Pausen von 1-3 Stunden dazwischen. Was natürlich bedeutet, dass ich tags und nachts immer wieder kurz schlief, dann wieder wach war und nach kurzer Zeit müde genug, dass ich in der Lage war, eine weitere Stunde Schlaf zu bekommen.

Mit mehr Disziplin hätte ich natürlich den Schlaf völlig auf die Nacht verschieben können und tagsüber voll einsatzbereit sein – andererseits hätte ich mit mehr Disziplin vielleicht auch nicht ganz so oft versagt und dann auch weniger gegrübelt. Da ich aber ständig meinem inneren Schweinehund nachgebe, gelang es mir nur allmählich, wenigstens so etwas wie einen Rhythmus zu entwickeln. Auch wenn der nicht gerade normal ist.

Eine Muschelkaustik sorgte dafür, dass die nächtlichen Erstickungsanfälle seltener wurden. Seltener, aber nicht gänzlich aufhörten, da ich sogar zum Atmen zu unfähig bin. Und auch jetzt regelte ich meinen Schlafrhythmus nicht auf ein normales Maß. Mittlerweile schlafe ich in der Regel einige Stunden, wache zwischen 23.00 und 1.00 nachts auf, bin dann einige Stunden wach und schlafe zwischen 4.00 und 5.00 wieder ein. Das heißt, genau dann, wenn anständige Leute auf jeden Fall schlafen, bin ich wach. Bislang dachte ich aber, wenigstens störe ich dabei niemanden. Inzwischen wurde ich eines Besseren belehrt. Vorher hatte ich keine Ahnung, wie egoistisch meine Art zu leben eigentlich ist. Kein Wunder, denn dafür, was ich anderen antue, habe ich keine Antenne.

In den meisten Shoutboxen herrscht in der Nacht heilige Ruhe. Jetzt habe ich aber eine entdeckt, in der auch nachts noch Leute sind, die Lust aufs Reden, bzw. Schreiben haben. Und da mir das guttut – den anderen eher nicht – habe ich da prompt mitgemacht.

Nun gibt’s da eine sehr nette Userin, die in der Regel gegen drei Uhr früh auftaucht. Und die mir helfen wollte, meinen inneren Schweinehund zu überwinden. Leider aber bin ich gegen freundschaftliche Hilfe ziemlich resistent – oder wie es mal jemand ausdrückte: „Du läßt dir gar nichts sagen!“ Diese arme Userin wußte das nicht und versuchte es mit mir.

Einige Tage lang erkundigte sie sich jeden Morgen bei mir, wann ich denn eigentlich schliefe. Meistens antwortete ich nicht einmal, weil ich der irrigen Meinung war, dass sie das nichts anginge. Sie teilte mir dann nach ihrer täglichen Frage mit, dass ihr Göttergatte ihr so ein Verhalten nicht erlauben würde. Damit nun nicht mein eigener Göttergatte in den Verdacht kommt, seine Frau nicht ordentlich zu erziehen, rechnete ich ihr auf ihre Frage vor, wann ich denn geschlafen hatte. Zum Beispiel von 20.00 – 23.00 und von 4.00 – 9.00. Damit hatte ich das Schlafsoll durchaus erfüllt.

Das tägliche Therapiegespräch verlängerte sich nun, denn auf mein Aufrechnen meiner Schlafenszeit erklärte sie mir jedes Mal, dass man normal nachts schläft und nicht abends und dann frühmorgens in Etappen. Anstatt aber endlich nachts zu schlafen, um die anderen nicht zu stören, entgegnete ich nach wochenlangem Fragen ihrerseits, meine Schlafstörungen seien krankheitsbedingt.

Nun sind weder ADS noch Depressionen geschweige denn Schlafapnoe Krankheiten im eigentlichen Sinne, aber mit der Ausrede „ich bin krank, ich kann nicht anders“ habe ich schon viele Leute abgebügelt, die mir helfen wollten. Denn ich lasse mir ungern helfen, wenn das bedeutet, dass ich selbst etwas tun muss. Es ist viel bequemer, sich einzureden, ich könnte nichts dagegen tun.

Diese Userin ist hartnäckig und wollte mir unbedingt helfen. Also machte sie mich darauf aufmerksam, dass man sich Schlafdisziplin antrainieren kann. Anstatt jedoch diesen Rat anzunehmen, gab ich ihr eine Antwort, für die ich mich inzwischen sehr schäme:
„Ja, und Querschnittgelähmte können sich das Laufen wieder antrainieren – hör doch bitte damit auf, ja?“

Um ein Haar hätte die geschockte Userin die Shoutbox verlassen. Da sagt sie nur ihre Meinung, erwartet, dass ich diese akzeptiere, wenn auch nicht teile und wird von mir dermaßen massiv angegriffen. Mehrere User baten sie zu bleiben und das Ganze sei sicher nur ein Mißverständnis gewesen. Sie blieb – ich allerdings ging. Damit sie nie mehr mit einer Person wie mir reden muss. Ich habe es endlich begriffen.

Es war kein Mißverständnis. Es war Absicht, pure, gemeine, bösartige Absicht. Ich habe immer wieder solche Anfälle von Trotz und Selbstüberhebung. In diesen Phasen bilde ich mir ein, ich hätte ein Recht auf eine eigene Meinung. Und ich weigere mich, Rat anzunehmen von Leuten, die klüger sind als ich und meine Probleme und Bedürfnisse besser beurteilen können. Ich selbst möchte meine Probleme ja nicht lösen, ich möchte nur ihretwegen bedauert werden. Und tut das jemand nicht, werde ich nunmal aggressiv und greife grundlos Unschuldige an.

Es tut mir wirklich leid. Ich sehe ein, dass das ein ebenso schwerer Charakterfehler ist wie meine abstruse Einstellung zum Schlafen. Und ich werde daran arbeiten, das zu ändern. So oder so. Entweder lege ich meine Aggressivität und meine Schlafstörungen ab und bleibe bis dahin allen Chats fern. Oder ich sorge dafür, dass ich nie mehr aggressiv bin. Und nie mehr zur falschen Zeit wach bin.

Zur richtigen allerdings auch nicht. Ist das okay für euch? geschrieben am 26.05.2020 von Masmiie

Schlagwörter

schlafen, schlafstörung, meinung

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Kommentare von anderen Usern

Avatar Snoopi schrieb am 28.05.2020 folgenden Kommentar:
Ein "NORMAL sein" gibt es NICHT.
Für den einen ist früh aufstehen normal, für den anderen spät aufstehen. Für den einen gehört Kaffee zu einem NORMALEN Frühstück, für den anderen darf es nur Tee sein. Usw.
Viele Menschen versuchen anderen den eigenen Willen aufzuzwingen und "argumentieren" dabei mit "so wie ich, machen es alle Menschen und das ist normal".

Ich finde, man sollte einfach mehr TOLERANZ an den Tag bzw. auch an die Nacht legen.
Unterschiede tragen zu einer Vielfalt bei.
Und ohne, wäre es doch langweilig, oder?

Avatar raserl schrieb am 26.05.2020 folgenden Kommentar:
Es gibt keine "falsche oder richtige Zeit" etwas zu tun. Aber wenn es dir selber nicht passt wie du lebst so versuche es mit einem Gespräch mit einem ausgebildeten Psychologen. Der wird sicher dahinter steigen woher die Wut in dir kommt. Da lohnt es das du dass versuchst. Im Chat findest du sicher hilfsbereite Menschen oder Leidensgenossen. Aber die Ausbildung eines Psychologen haben die halt nicht. Ich hoffe das es dir bald wieder besser geht. Und such nicht nur bei dir, Die Ursache kann viel tiefer liegen. Sei ein guter Forscher und sprich ruhig mit einem Menschen der von der Psyche viel Ahnung hat. Dass wird dir helfen dir selbst zu helfen. Mach was!!! Sonst schleppst du die Last ein ganzes verbautes leben mit. Raimund