Jun
12

Liebenswerte Momente


Es sind oftmals nur Kleinigkeiten. Einfache, hilfreiche, liebenswerte Gesten, die kaum etwas kosten - nur ein wenig Empathie und Mitdenken. Doch diese Kleinigkeiten können ein Lächeln auf die Lippen zaubern, Verständnis zwischen den Menschen fördern - und oft machen sie den Unterschied zwischen einem gelungenen und einem “Mist”tag aus.

Solche Dinge sind mir auch schon oft widerfahren. Ich merke sie mir, denn sie beweisen mir immer wieder, dass die Menschheit doch noch nicht völlig verroht und egoistisch ist. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung...

GROßE AUTOS

Wenn ich meinen zweijährigen Spatz zur Krippe brachte, musste ich immer am Straßenrand einer sehr schmalen Gasse halten. Dann kam nur noch jeweils ein Auto vorbei. Ein Lkw jedoch bekam Probleme und der Fahrer bat mich, noch etwas näher an den Rand zu fahren. Ich hatte Spatz bereits ausgeladen und sagte spontan: “Gern, wenn Sie kurz auf den Kleinen achten.” “Aber freilich!” Der LKW-Fahrer nahm Spatz auf den Arm und während ich den Wagen neu einparkte, bekam der Kleine die riesigen Räder und die zischenden Bremsen gezeigt. Noch am Abend erzählte der begeisterte Knabe: “Papa, LW macht Schsch!”

Ein andernmal wollte gerade die Feuerwehr vorbei. Zum Glück mit dem ganz alten Feuerwehrwagen, der kam mühelos durch. Aber Spatz zeigte so begeistert auf das Blaulicht und rief: “Mama, TÜTA!”, dass es den Fahrer wohl gerührt haben musste: Extra für Spatz schaltete er im Vorbeifahren mal schnell Blaulicht ein .....

...UND KEIN PLATZ

Es war ein geschotterter Platz, galt jedoch als Parkplatz. Plätze waren nicht eingezeichnet, also wurde nach Lust und Laune geparkt, oft nur gerade mal eine Autobreite Platz gelassen als Weg und wer hinten keinen Platz fand, hangelte sich mühsam im Rückwärtsgang wieder raus, während die hinter ihm Wartenden ebenfalls erstmal rausmußten. In der Situation - zum Glück war keiner hinter mir, dem ich erst klarmachen mußte, dass er bitte auch rückwärts fahren muss - klopfte es an mein Fenster. Ich dache, jetzt werde ich erstmal getadelt, wofür auch immer. Aber die Dame lächelte mich nur an und sagte: “Fahren Sie doch ganz nach hinten, ich bin nämlich auf dem Weg zu meinem Wagen und Sie können dann den Platz haben. Und müssen sich nicht hier rückwärts rausquälen.”
Fand ich richtig nett. Sie hat einfach nur mitgedacht und die kleine Geste hat sie kaum etwas gekostet. Mir jedoch hat sie sehr viel Zeit und Nerven erspart.

KLEINE KINDER

Im Nachbarort gibt es regelmäßig einen “Zwergerlmarkt” genannten Kirchenbasar. Da Göttergatte noch arbeitete, mußte ich alleine mit einer Kindergartenkleidung bedürfenden BP und einem zwei Monate alten Spatz hin. BP entdeckte schnell einen Schneeanzug, den sie aber nicht alleine anziehen konnte. Ich legte Spatz wohl oder übel auf dem Tisch zwischen den Kleiderstapeln ab, hielt ihn mit einer Hand fest und versuchte mit der anderen, BP beim Anziehen zu helfen. Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter. “Geben Sie mir doch das Kleine”, meinte die alte Dame hinter mir freundlich. “Ich warte eh nur auf meine Tochter und Sie haben mit ihrer Großen genug zu tun.”
Da Spatz in dem Moment auch noch Hunger anmeldete, saß die freundliche Dame dann 15 Minuten lang da und fütterte Spatz aus der zum Glück mitgenommenen Flasche, während BP und ich neben dem Schneeanzug auch noch Sportzeug und Hausschuhe fanden.

Mit Eltern und Geschwistern verbrachte ich zwei Wochen in Schottland. Natürlich kochten wir nicht immer in der Ferienwohnung, sondern gingen auch öfters essen, wir wollten ja Land und Leute kennenlernen. Ein Restaurant stellte sich beim Betreten als doch recht vornehm heraus und wir hofften, dass mein 6jähriger Bruder sich dann auch dementsprechend verhalten würde. Tat er aber nicht. Schon nach zwei Minuten lag er auf dem Teppichboden und ließ seine Autos herumfahren. Als er dabei an den Fuß des älteren Herrn am Nachbartisch stieß, nahm der ihm das nicht übel, sondern legte sich allen Ernstes dazu und spielte mit. Seine sehr damenhafte Ehefrau grinste uns nur an und sagte wohl sowas wie: “Männer werden eben nie erwachsen.” Auch die anderen Gäste blickten eher wohlwollend als verärgert auf die beiden “Autofahrer” und die Kellner gingen vorsichtig und im Bogen um sie herum. Einer winkte sogar ab, als wir meinen Bruder zum Aufstehen bewegen wollte: “Lassen Sie ihn, er spielt gerade so schön.”

Spatz sammelt gerne Albumbilder und beide Kinder kaufen gerne selbstständig und für ihr eigenes Geld ein. Noch nie haben sich Kassierer und Kunden beschwert, wenn wir als Familie einkauften, aber drei getrennte Abrechnungen verlangten. Und oft bekommen die Kinder für ihren 5-Euro-Einkauf trotzdem ein Sammelbild, obwohl die erst ab 10 Euro rausgegeben werden.
Diesmal hatte sich BP vertrödelt und stand drei Kunden hinter uns an der Kasse, als ich bemerkte, dass es wieder Bilder zum Sammeln gab. Während Spatz abkassiert wurde, rief ich BP zu, doch bitte ein Album aus dem Pappständer zu holen, da ich nicht mehr drankam. BP hatte aber Tomaten auf den Augen und gleich zwei Kunden griffen ein - während der eine ihr noch zeigte, wo, hatte der andere bereits ein Album geangelt und reichte es nach vorn. Der Verkäufer hatte das grinsend beobachtet und drückte eine ganze Handvoll Bilder - sicher mehr als unser Einkauf ausmachte - gleich dem erfreuten Spatz in die Hände, bevor er uns abrechnete.
Lieb finde ich auch, dass sich immer wieder Menschen an der Kasse umdrehen und Spatz fragen, ob er sammelt - und auf JA dann die Bilder anfordern und ihm schenken.

DIE SIND WIRKLICH SO BLOND

Mit den Kindern, damals 4 und 7 und beide noch sehr blond (BP ist inzwischen nachgedunkelt, Spatz von weißblond zu goldblond gewandert) waren wir beim Wok´n Roll essen. Der ist heute noch bei beiden als das Restaurant bekannt, wo das Essen an einem vorbeifährt.
Die beiden waren natürlich eher fertig als wir und spielten gerade am Schildkrötenbecken, als eine japanische Reisegruppe hereinkam. Eine Dame zeigte sich überaus entzückt von den Kindern und fragte bei uns auf Englisch nach, ob ein Foto erlaubt sei. Auf meine Bestätigung kniete sie sich strahlend zwischen die beiden, während ihre Freundin knipste und zeigte immer wieder auf die hellen Haare.
So oft fotografieren deutsche Touristen die dunkeläugigen, braunhäutigen Kinder in Südamerika, Afrika oder Asien. Hier war es mal umgekehrt - ich konnte mir gut vorstellen, dass die Dame zu Hause das Bild zeigte mit den Worten: “Seht mal, das sind deutsche Kinder, die sind wirklich so blond und blauäugig.”

VERSTÄNDIGUNG

Eine Freundin hatte eine Zeitlang bei einer japanischen Firma gearbeitet, dann aber gewechselt. Bei ihren Beruf als Fremdsprachenkorrespondentin war sie geblieben und nahm oftmals Anrufe in englischer Sprache an. Einmal war es ein Japaner, der sich meldete und sie sagte spontan: “Konichiwa, Mr XX!” Am anderen Ende war es erst einmal still, der Anrufer mußte die Tatsache verarbeiten, dass er in seiner Sprache begrüßt worden war. Dann wollte er wohl die Nettigkeit erwidern: “Gu-Ten-Tag.” Vermutlich das einzige Wort, welches er auf deutsch konnte, aber immerhin, er konnte es hier anwenden.

Wir hatten einige Programmierelemente für Virtuell Basic gekauft und wollten die ins Programm einbauen. Mit einem dieser Active-X-Elemente gab es Probleme. Handbuch oder deutschsprachige Website/Hotline gab es nicht, also rief ich bei der französischen Zentrale an. Und meldete sofort: “Pardon, je ne parle pas francaise, parles-vous anglaise ou allemange?” (Entschuldigung, ich spreche kein französisch, sprechen Sie englisch oder deutsch?” Ich kann nur wenig französisch, aber ich kann in einwandfreier Aussprache erklären, DASS ich es nicht kann :).
“Une Momént!” Nach besagtem Moment kam eine Dame an den Hörer, welche beide Sprachen konnte. Deutsch allerdings nur schlecht und vor allem kaum verstehen. Ich hingegen verstand ihr Englisch mit starkem französischen Akzent nicht. Das störte uns jedoch gar nicht.
Als mein Chef Minuten später hereinkam, um mich mit seinem besseren Englisch zu unterstützen, hörte er zu seiner Verblüffung, dass ich die Fragen auf Englisch stellte, die Antwort aber in gebrochenem Deutsch bekam - welches ich als Muttersprachlerin natürlich besser verstand als französisch verzerrtes Englisch. Als ich nach Klärung der Fragen auflegte, schüttelte er nur noch den Kopf und murmelte: “Frauen!”

ZWEI HALBE SIND EIN GANZES

Ich weiß nicht mehr, wo es war - irgendeine Versammlung eben. Beim Gehen ließ ich als erstes meinen Schlüssel fallen. Bevor ich meine Krücken sortieren konnte, bückte sich ein älterer Herr und reichte mir den Schlüssel wieder. Ich bedankte mich, sortierte meine Sachen und sah dann, dass der Herr mühsam versuchte, sich die Jacke über die armlose Schulter zu ziehen. “Darf ich?” fragte ich und er nickte. Ich zog ihm die Jacke zurecht und wir grinsten uns an. “Zwei halbe Krüppel sind auch ein ganzer Mensch!”

Es sind nur Kleinigkeiten. Aber unser ganzes Leben besteht aus Kleinigkeiten, die sich aneinanderreihen und sich zu großen Bergen auftürmen können. Wegen belastender Kleinigkeiten, die sich zu sehr häufen, brechen Menschen irgendwann zusammen. Aber solche kleinen, aber netten Momente können dagegenwirken. Es braucht wirklich nicht viel dazu - nur nette Menschen. geschrieben am 12.06.2018 von Masmiie

Schlagwörter

momente, kleinigkeiten, hilfe, mitdenken, empathie

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Kommentare von anderen Usern

Avatar ahrimannheim schrieb am 04.08.2018 folgenden Kommentar:
Da gebe ich Dir recht Masmilie...es sind die Kleinigkeiten...die uns das Leben lebenswert ....oder uns verzweifeln lassen ...je nachdem, wie wir "programiert" sind ....woran wir uns orientieren :)