Feb
03

Blog-Staffelstab - Gefangene der Schatten


ACHTUNG! NICHT FÜR KINDER ODER EMPFINDLICHE PERSONEN GEEIGNET!

Autsch - Paulas Staffelstab hat mich voll getroffen, dabei wollte ich eigentlich nichts mehr schreiben. Warum? Die Antwort gibts hier ...

Paula meinte, das Thema kann man frei wählen. Ich gehe dennoch ein wenig auf ihr Thema ein, denn das von ihr beschriebene Gedankenkreiseln, das einen die halbe Nacht nicht schlafen läßt, kenne ich nur zu gut. Und ist wohl jedem anderem Gefangenen in den Schatten bekannt.

Gefangene der Schatten

Sie wußte nicht, wann die Schatten das erste Mal kamen. Vielleicht waren sie schon immer dagewesen, in den Ecken lauernd und sie stets beobachtend. Sie kontrollierten alles, was sie tat oder sagte und das machte sie nervös. Sie bekam Angst, etwas falsch zu machen. Aber zunächst sprachen die Schatten nicht. Sie lauerten nur.

Später begannen die Schatten zu reden. Erst nur wenig, dann mehr, dann hörten sie nicht mehr auf. Die Gefangene hielt sich die Ohren zu, aber das nützte nichts. Denn die Schatten sprachen direkt zu ihrer Seele, ohne den Umweg über die Ohren. Und es gab nichts, was sie zum Schweigen bringen konnte.

Die Schatten bildeten Käfige um sie herum, aus Schmähungen, Beleidigungen, Demütigungen und Kritik. Die Gefangene kämpfte dagegen an, aber nie fand sie die Schlüsselworte, die ihr die Freiheit gegeben hätten. Wie lange sie schon gefangen war, wußte sie nicht. Als sie die Käfige erstmals wahrnahm, lebte sie schon so lange in ihrem Gefängnis, dass sie kein Gefühl mehr für die Freiheit hatte. Vielleicht hatte sie die Freiheit nie erfahren, sie konnte es nicht sagen. Auch ob die Käfige ursprünglich aus ihrem Inneren kamen oder aus der Außenwelt, war ihr unklar.

Die Schatten suchten nach Fehlern. Alles, was die Gefangene tat oder sagte, wurde von den Schatten kommentiert. Sie lasen ihr sozusagen ihr ganzes Leben vor und bewerteten es. Und immer fanden sie etwas zum Kritisieren. Lob gab es nie von den Schatten, sie konzentrierten sich nur auf das, was sie falsch machte. Lob wäre auch unangebracht gewesen, denn sie konnte den Schatten nichts recht machen.

Wenn ihr etwas gelang, meinten die Schatten nur: Du hast mehr Glück als Verstand gehabt. Es ist Zufall, dass das geklappt hat, obwohl du es getan hast. Und auf Glück hast du kein Recht. Wenn etwas mißglückte, verhöhnten die Schatten sie: Du bist zu dumm, um irgendetwas richtig zu machen. Schließlich hast du noch nie etwas auch nur halbwegs gut getan. Wenn etwas schiefging, ohne dass sie dafür konnte, fragten die Schatten: Warum hast du nicht verhindert, dass das passierte? Oder auch: Warum hast du dich eingemischt, deinetwegen ist es gescheitert. Ob sie etwas tat oder nicht tat, es war immer das Falsche.

Die Gefangene war eigentlich ein fröhlicher, positiver Mensch und neigte dazu, in allem erstmal das Gute zu sehen und selbst in ausweglosen Situationen noch zu hoffen. Doch die Schatten verurteilten diese Eigenschaft auf schärfste: Du denkst ja gar nicht an die anderen. Du willst bloß das Gute in dir selbst sehen und da gibt es gar nichts Gutes!

Früher war sie gerne unter Menschen gewesen und sie diskutierte gerne über alles mögliche. Während solcher Gespräche schwiegen die Schatten, um nachher umso hefitger über sie herzufallen: Du hast nur dummes Zeug gequasselt! Hast du nicht bemerkt, wie du den Leuten auf die Nerven gegangen bist? Sie waren nur zu höflich, um dir zu sagen, dass du doch bitte endlich den Mund halten sollst!

Sie war gerne kreativ gewesen, mit den Händen ebenso wie mit dem Kopf. Doch ob sie malte, schrieb oder bastelte, die Schatten verhöhnten ihre Unfähigkeit. Noch schlimmer war es, wenn sie ihre Erzeugnisse verschenkte. Du überschätzt dich maßlos! schimpften die Schatten dann. In deinem Größenwahn glaubst du wirklich, dass anderen dein talentloser Schund gefällt! Wenn sie entgegnete, dass sich die Beschenkten gefreut hätten, riefen die Schatten: Die Menschen sind nur zu nett, um dir ins Gesicht zu sagen, was sie von dir und deinem Krempel halten.

Die Gefangene wurde allmählich müde. Es hatte kaum noch Sinn, etwas zu tun, sie konnte ja doch nichts richtig machen. Aber die Schatten ließen sie ellenlange Listen schreiben mit den Dingen, die sie noch ausführen sollte. Sofort. Noch heute. Am besten noch in dieser Stunde, obwohl die Listen Arbeit für einen Monat enthielten. Natürlich schaffte sie es nicht und die Schatten warfen ihr vor: Du bist träge und faul. So wenig Arbeit und du bekommst nicht mal das hin. Wenn ihre Mitmenschen die Listen sahen, schüttelten sie oft den Kopf und erledigten einige Punkte für sie. Dann schimpften die Schatten: Jetzt müssen schon andere deine Arbeit machen, weil du so bequem bist! Du hast ihnen doch nur die Listen gezeigt, um Mitleid zu erregen und den anderen vorzutäuschen, du würdest was tun!

Die Gefangene besaß viel Trotz und Eigensinn und sie kämpfte gegen die Schatten an. Doch sie hatte keine eigene Stimme; keine Stimme, wie sie die meisten Menschen besitzen und die der Welt entgegenwirft: Ich bin, wie ich bin und obs dir paßt, ist mir egal. Oft genug schrie sie das den Schatten entgegen, aber ihr fehlte der feste Glaube daran und die Antwort war immer die gleiche: Du bist nichts! Du weißt nicht, wo dein Platz ist - nicht einmal ganz hinten, ganz unten, sondern nirgends. Du hast kein Recht auf einen Platz in dieser Welt und alles, was du zu haben glaubst, ist von anderen gestohlen, selbst mit jedem Atemzug raubst du Würdigeren die Luft. Dann brach ihr Widerstand jedes Mal wieder ein. Er beruhte nur auf Trotz, nicht auf tiefinnerlicher Überzeugung ihres eigenen Wertes und hatte daher keine Chance gegen die Schatten.

Oft genug quälten die Schatten sie sosehr, dass ihr die Tränen kamen. Dann wurden die Stimmen der Schatten noch lauter. Hörst du wohl auf zu heulen, das ist nur Selbstmitleid. Weil du die Wahrheit nicht einsehen willst, die wir dir täglich vorhalten. Ihre Tränen störten die Schatten sehr. Wenn du so weinst, siehst du nicht richtig und wie willst du dann deine Arbeiten machen? Hör endlich auf! Sie lernte bald, unter Tränen zu arbeiten, denn den Schatten war es wichtig, dass sie weiterhin funktionierte. Und die Tränen vor den Menschen verbarg. Wehe, du läßt das die anderen sehen! Du willst doch nur Mitleid erregen und das steht dir nicht zu! Dir geht es noch viel zu gut, das hast du gar nicht verdient!

Manchmal wagte sie es, anderen Menschen von den Schatten zu erzählen, sie um Hilfe zu bitten. Doch das kam bei den Schatten übel an. Wie kannst du es wagen, andere mit deinen eingebildeten Problemen zu belasten! Als ob du nicht schon durch deine bloße Anwesenheit, durch deine Faulheit, deine dämlichen Reden und deine Unfähigkeit für alle eine Belastung wärst! Es nützte auch nichts, denn die Menschen verstanden nicht, was sie von ihnen wollte. Sie selbst hatte eine Illusion geschaffen, die sie stets umgab, die Illusion eines fröhlichen, selbstbewußten, glücklichen Geschöpfes. Die Menschen sahen nur das und begriffen nicht, wie sie dann um Hilfe bitten konnte. Dabei zeigte sie den Menschen nur, was die Schatten ihr erlaubten. Und die Schatten verboten ihr, in irgendeiner Weise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Du bist nur ein Schmarotzer, hielten ihr die Schatten vor. Du gehörst nicht hierher, du gehörst nirgends hin. Du hättest niemals sein dürfen. Du bringst die Menschen dazu, dich zu mögen, so dass sie nicht mehr merken, wie du ihr Leben vergiftest und sie ausnutzt. Es ist eine Schande, dass es dich gibt! Manchmal dachte sie, dass sie das korrigieren könnte. Auch das brachte die Schatten auf. Wage es ja nicht! Du willst ja nur den Menschen die Last aufbürden, daran schuld zu sein. Und es ihnen überlassen, sich um deine Hinterlassenschaften zu kümmern. Nicht nur deinen wertlosen Körper, sondern auch die ungetane Arbeit, das Chaos, das du hinterläßt. Bevor du gehst, räumst du erst alles hinter dir auf! Doch gleich darauf höhnten die Schatten: Das gelingt dir ohnehin nie. Dazu bist du zu ungeschickt, zu langsam, zu unwillig.

Die Gefangene begann, ihre Spuren zu verwischen. Nichts durfte von ihr übrigbleiben, was einen anderen belasten würde. Es dauerte lange, doch irgendwann hatte sie alles entfernt, was an sie erinnerte. Nun mußte sie nur noch sich selbst beseitigen.

Die Menschen waren bestürzt, betroffen, aber vor allem verständnislos. Sie hatte doch keinen Grund gehabt, das zu tun, sie war immer gut gelaunt und gelassen gewesen und hatte keine Probleme gehabt. Oder nicht davon erzählt, aber warum eigentlich nicht? Man hätte ihr doch gerne geholfen und das hatte sie sicher gewußt. Schließlich erklärte man sich die Sache damit, dass sie wohl gar nicht hatte leben wollen.

Das war falsch. Sie hatte gerne gelebt, auch noch in den dunkelsten Momenten. Sie hatte nur die Schatten zum Schweigen bringen wollen. Hatte alles versucht, bis ihr nur noch diese Möglichkeit geblieben war.

Wenigstens das hatte sie geschafft. Die Schatten schwiegen. Und sie sprachen nie wieder.


Nachtrag Eins: Der Beitrag wurde von den Beleidigungen der Schatten gereinigt, sonst wäre der Text wohl doppelt so lang. Ein Beispiel: "Du" wird normalerweise gefolgt von so netten Floskeln wie "wertloses Stück Dreck".

Nachtrag Zwei: Auf ihren eigenen Wunsch gebe ich den Staffelstab dann an BlackPanther weiter. Offenbar überlegt sie sich bereits eine Antwort. geschrieben am 03.02.2019 von Masmiie

Schlagwörter

blog-staffelstab, schatten

Lesenswert Empfehlungen 5

Avatar Avatar Avatar Avatar Avatar


54 Besucher



Kommentare von anderen Usern

Avatar hbss schrieb am 03.02.2019 folgenden Kommentar:
Fast so cool wie Plato und der Staat

Avatar Indianerle schrieb am 03.02.2019 folgenden Kommentar:
Sehr gut wenn auch was lang.

Avatar Indianerle schrieb am 03.02.2019 folgenden Kommentar: